Lawinenunfall im Kackar-Gebirge (Türkei)

04.03.2014


"Wir sind am 4. März 2014  auf einen etwa 2800 m  hohen Gipfel im Kackar-Gebirge bei Yayalar bei Yusufeli in der Provinz Artvin in der Osttürkei ca. 30 km vom Schwarzen Meer aufgestiegen. Schon beim Aufstieg kam es zu einer Erwärmung, die wir in der Gruppe zwar registriert, aber in ihrer Konsequenz nicht bewertet haben. Nach kurzer Gipfelrast haben wir abgefellt und sind die ersten knapp 400 Höhenmeter durch teilweise windgepressten, aber pulvrigen Schnee abgefahren. Am Ende des ersten Hangs gelangten wir auf einen schmalen Rücken, der in Süd/Nordrichtung verlief. Hier war der Schnee schon stark durchfeuchtet. Rechts und links vom Rücken waren Hänge. Der rechte Osthang war praktisch baumfrei, im oberen Bereich knapp 30 Grad Neigung, im unteren Bereich  deutlich flacher. Er endete in einem Flusstal, dessen Sohle etwa ca. 250 Höhenmeter unter uns lag. Der linke, westliche Hang war weniger steil. Es gab dort einzelne Bäume und er endete in einer Rinne, ca. 70 Höhenmeter unter uns.

Die Gruppe fuhr oder stand auf dem Rücken, beinahe wie an einer Perlenkette aufgereiht. Ich stand an drittletzter Position, um mir die weitere Abfahrtsmöglichkeit anzuschauen. Ein Kollege überholte mich rechts (östlich) und schwang ca. 8 Meter von mir entfernt ab. Durch diesen Schwung löste er die Lawine aus. Ein Riss kam rasend schnell auf mich zu, lief zwischen meinen Bein durch und verbreiterte sich schnell. Ich fühlte mich kurzzeitig, wie wenn ich mit gegrätschten Beinen über einer Gletscherspalte stünde. Binnen kurzem stand mein rechtes Bein ca. 80 cm tiefer, so dass ich stürzte. Dann gab es keinen Halt mehr. Ich löste sofort den ABS-Rucksack aus. Die erste Kammer füllte sich sofort, die zweite erst etwas später, da ich seitlich auf ihr lag. Ich bin ca. 300 Meter und etwa 100 Höhenmeter mit dem oberen Teil der Lawine nach unten gerutscht. Geschätzte Dauer (sehr subjektiv): ca. 30 Sekunden. Zweimal kam die Lawine kurz zum Stillstand, wobei ich von seitlich nachrutschendem Schnee mit Schnee überdeckt wurde. Sobald die gesamte Lawine wieder ins Rutschen kam, bin ich wieder ganz an die Oberfläche gekommen. Glücklicherweise war der Hang praktisch frei von Felsen und Bäumen, so dass ich mir abgesehen von kleineren Prellungen keine Verletzungen zugezogen habe.  Ich konnte mich selbst befreien. Sofort nachdem die Lawine zum Stillstand kam, sind drei Kameraden über den entlasteten Hang zu mir gefahren. Die Nähe dieser Kameraden war sehr wichtig für mich, denn ich war durch das Erlebte ordentlich schockiert. Unter mir waren mehr als 150 cm festgepresster Nassschnee (ich konnte meinen Ski senkrecht in den Schnee stecken, ohne dass er auf Grund gestossen ist).  Einen Ski habe ich verloren und einen Skistock. Den Ski haben wir rasch wiedergefunden.

Es war für mich ein traumatisches Erlebnis. Ich hatte großes Glück, dass ich mich im oberen Viertel der Lawine befand. Noch glücklicher bin ich darüber, dass ich mir im Dezember 2012 einen ABS-Rucksack gekauft habe. Ohne diesen Rucksack wäre der Lawinenabgang für mich nicht glimpflich verlaufen. Ich hatte aber auch Pech: Wäre ich nur 50 cm weiter links (westlich) gestanden, wäre ich nicht gestürzt und damit auch nicht in die Lawine geraten.

Ursache für den Lawinenabgang war eine große Menge Triebschnee sowie eine darunter liegende „Gleitlagerschicht“, die sehr wenig Verbindung zu der darunter liegenden Schicht hatte. Begünstigt wurde das Ganze durch die rasche Erwärmung im Tagesverlauf."

Martin T., Allensbach


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